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Stadtchronist
Dr. Bernd Ullrich

Beiträge zur Stadtgeschichte
04.05.2017 - Vor 115 Jahren – Gründung des ersten städtischen Wasser- und Elektrizitätswerkes in Frankenberg

Schon vor 500 Jahren wurde im Jahre 1516 in Frankenberg eine zentrale Wasserversorgung für die Bevölkerung mittels hölzernen „Röhrfahrten“ erwähnt, die das Trinkwasser in öffentliche Brunnenanlagen verteilte. Das Wasser konnte in höher gelegenen Quellen, Brunnen oder auch offenen Gewässern außerhalb der Stadt gefasst und über Holzrohre im freien Gefälle in die Stadt geleitet werden. Zunächst versorgte man nur öffentliche Brunnenanlagen, bis ab dem Jahre 1685 auch privaten Frankenberger Wasserentnahmestellen Wasser zugeführt wurde. Die Stadt Frankenberg besaß zum Ausgang des 19. Jahrhunderts 26 größere und kleinere, insgesamt mehrere Kilometer lange hölzerne Rohrwasserleitungen. Diese „Röhrfahrten“ speisten 27 öffentliche und etwa 60 private Wassertröge und 11 öffentliche Brunnen im Stadtgebiet. Immer wieder kam es aber zu Klagen über den Zustand der Frankenberger Röhrfahrtwasserversorgung. Schnell war klar, dass die Leistung dieser drucklosen Wasserversorgung den Bedingungen des anbrechenden industriellen Zeitalters in der Stadt nicht mehr gerecht werden konnte.

Schon ab Mitte des 19. Jahrhunderts schuf man in vielen Städten Deutschlands neue Systeme der Wasserleitung. Man ersetzte die Holzrohre durch Gusseisenrohre und ermöglichte damit eine Druckwasserversorgung, die den erhöhten Anforderungen nach einer bedarfsgerechten Wasserversorgung in allen industriellen, kommunalen und privaten Bereichen entsprechen konnte.

1893 wurde in Berlin auch das erste Elektrizitätswerk zur zentralen Elektroenergieversorgung der deutschen Hauptstadt in Betrieb genommen. Im gleichen Jahr beauftragte der Rat der Stadt Frankenberg seinen Gaswerksausschuss, sich „ernstlich mit der Frage der Errichtung eines Elektrizitätswerkes in Frankenberg zu befassen“. Der Gaswerksausschuss, der die Konkurrenzgefahr der Elektrizität gegenüber dem Stadtgas erkannte, behinderte jedoch die Bestrebungen des Stadtrates. Er veranlasste eine Rundbefragung in Frankenberg, die zu einem kläglichen Ergebnis führte. Der angebliche Bedarf an elektrischen Leistungen im Stadtgebiet summierte sich auf nur „478 Glühlampen, 7 Bogenlampen und 1,5 PS Motorenleistung“. Der Gaswerksausschuss fasste daraufhin am 10.06.1895 den Beschluss, dem Frankenberger Stadtrat eine abwartende Haltung gegenüber der Errichtung eines Elektrizitätswerkes zu empfehlen. Der Stadtrat folgte zunächst dieser Haltung, revidierte aber schon am 24.6.1895 seine Meinung, „indem er die Notwendigkeit der Errichtung eines Elektrizitätswerkes stark betonte“. Die Besitzer der Frankenberger Holzschneidefirma Köhler (später die Firmen Hunger und Barkas) erzeugten bereits Elektroenergie über eine Dampfmaschine. In der Neumühle wurde ebenfalls Elektroenergie mittels Wasserkraft produziert, die „für 120 Flammen“ ausreichte. Auch die Firma Göhler & Co stellte zu dieser Zeit u.a. der Gaststätte „Kaisersaal“ elektrische Energie zur Verfügung, die besonders zur Beleuchtung des Hauses diente, was zu höheren Besucherzahlen im Restaurant führte. Als eine größere Anzahl Frankenberger Bürger an den Rat der Stadt den Genehmigungsantrag stellten, sich von der Neumühle aus mit elektrischer Energie versorgen zu lassen, schrillten bei der Stadtverwaltung die Alarmglocken und man forcierte die Errichtung eines kommunalen Elektrizitätswerkes. Der Frankenberger Stadtrat beschloss deshalb am 02.10.1899 den Ankauf des Grundstücks und der Anlagen der Neumühle vom Besitzer Reich, um dort 1902 ein städtisches Elektrizitäts- und Wasserwerk in Betrieb zu nehmen. So wollte man einer privaten Konkurrenz vorbeugen.

Am 17.09.1901, vor 115 Jahren, stellte der damalige Bürgermeister Dr. Mettig bei den beiden „städtischen(Entscheidungs-) Kollegien“ den detaillierten Antrag zur Errichtung eines Elektrizitäts- und Wasserwerkes als „Städtische Betriebswerke Frankenberg“ unter kommunaler Trägerschaft, dem am 02.10.1901 vollumfänglich zugestimmt wurde. Für die Realisierung des Gesamtvorhabens nahm die Stadt eine öffentliche Anleihe in Höhe von 1,2 Mill. Goldmark bei der einheimischen Bevölkerung auf, die sie mit 4% verzinste.

Das Elt- Kraftwerk wurde als Gleichstromwerk für eine Spannung von 2 x 110 Volt ausgelegt. Zur Hauptantriebskraft der Generatoren sollten zwei regulierbare Francis-Wasserturbinen mit einer Leistung von 250 PS bei einem Wasserdurchfluss der Zschopau von 5 m3/sec und 2,5 m Gefälle dienen. Als Reservekraftquelle war zusätzlich ein gebrauchtes 100 PS Lokomobil der Firma R. Wolf (Magdeburg-Buckau) vorgesehen. Als am 02.12.1902 das Elektrizitätswerk seinen Betrieb aufnahm, konnten „155 Lichtkonsumenten mit 2436 Glühlampen, 17 Kraftkonsumenten mit 38,5 PS und 18 Bogenlampen“ mit Elektroenergie versorgt werden. Dies entsprach zunächst einem Elektroenergiekonsum von etwa 70 000 kwh/Jahr, der im Jahre 1926/27 auf 4,81 Mill. kwh anstieg. Da der wasserversorgende Mühlgraben für die Turbinen zunächst noch erweitert werden musste, kam zusätzlich ein Lokomobil der Firma Hamel/Chemnitz zum Einsatz. Das Lokomobil wog etwa 30 t und wurde mit einem, von bis zu 24 Pferden gezogenem Straßengefährt nach Frankenberg transportiert. Schon im Herbst 1910 wurde ein Heißdampflokomobil mit einer Leistung von 500 PS und einem Gleich- und Drehstromgenerator in Betrieb genommen. Im Jahre 1913 konnte auch die Leistung der Wasserturbinen auf 650 PS erhöht werden.

Mit der vor 115 Jahren getroffenen weitsichtigen Entscheidung der Stadt Frankenberg für den Aufbau der noch heute existierende modernen Wasser- und Elektrizitätsversorgung, wurden die Weichen für eine erfolgreiche Entwicklung unserer Stadt im Industriezeitalter gestellt.

 

Dr. Bernd Ullrich
Stadtchronist