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Beiträge zur Stadtgeschichte
27.01.2017 - Vor 125 Jahren – In Frankenberg wurde die Eisengießerei Anderegg gegründet

Vor  125  Jahren – In Frankenberg wurde die Eisengießerei Anderegg gegründet, die sich zu einem der größten Betriebe der Stadt entwickelte

Obwohl Frankenberg vor allem als Stadt  der Textil- und später der Zigarrenherstellung bekannt wurde, spielte auch die Eisenmetallurgie in unserer Stadt eine beachtliche Rolle. Etwa an der Stelle, an der sich heute das Kulturzentrum „Stadtpark“ befindet, nahm 1777 ein Eisenhammer als erster eisenmetallurgischer Betrieb seine Tätigkeit auf. Dieser Eisenhammer war ein Handwerksbetrieb zur Herstellung von eisenmetallurgischen Halbzeugen und Gebrauchsgütern. Das namensgebende Merkmal dieses Eisenhammers war das mit Wasserkraft angetriebene Hammerwerk. Bereits 1797 endete dieses erste Unternehmen der Frankenberger Eisenmetallverarbeitung.

Frankenbergs zweite metallurgische Unternehmung stand im Zusammenhang mit dem am 05.05.1867 gegründeten „Uhlandschen Technikum“, das als Vorläufer der heutigen Fachhochschule Mittweida gelten kann. 1870 waren im Frankenberger Technikum  bereits 167 Studenten immatrikuliert. Direktor Uhland erkannte sehr schnell ein wesentliches Problem seiner Ausbildung. Es fehlte die Existenz von größeren metallerzeugenden und -verarbeitenden Industrieunternehmen in Frankenberg, um den Studenten ausreichende praktische Ausbildungsmöglichkeiten in diesen Bereichen zu ermöglichen. Er begegnete diesem Mangel dadurch, indem er selbst ein solches Unternehmen plante und gründete. 1868 wurde die „Maschinenfabrik mit Eisengießerei von Uhlands Technikum“ eröffnet. Ende 1869 beschäftigte die Fabrik bereits 60 Arbeiter. Als das „Uhlandsche Technikum“ 1878 wieder schloss, gab es in der dazugehörigen Maschinenfabrik schon seit Ende 1872 keine Eisengießerei mehr.

Im Jahre 1885 bestand an der Teichstraße die Eisengießerei Glauche und in der Landmaschinenfabrik Gurckhaus & Sohn an der Margaretenstraße wurde im Adressbuch der Stadt Frankenberg von 1890, ebenfalls eine Eisengießerei erwähnt, die an den erst 23-jährigen  G o t t f r i e d  A n d e r e g g  verpachtet war.

Vor 125 Jahren wurde eine eigene Eisengießerei von Gottfried Anderegg an der heutigen Max-Kästner-Straße am 02.07.1891 in das Handelsregister eingetragen. Am 15.05.1891 nahm der Betrieb seine Tätigkeit auf, indem er ein Eisengießereigebäude neu errichtet ließ.

Gottfried Anderegg war 1867 als Sohn des Mittweidaer Eisengießereibesitzers Karl Friedrich Wilhelm Anderegg geboren worden. Auf Grund einer schweren Erkrankung seines Vaters kam auf den erst sechzehnjährigen Sohn Gottfried die Aufgabe zu, eine Leitungstätigkeit im väterlichen Unternehmen zu übernehmen. Als der Vater 1884 starb, ging Gottfried Anderegg auf Wanderschaft. Im Alter von 19 Jahren arbeitete er bereits als Formenmeister in Eisengießereien, u. a. in Augsburg.

Von der gepachteten Eisengießerei in der Frankenberger Margaretenstraße aus, betrieb er intensiv den Neubau der o.g. eigenen Eisengießereifirma. Hier erfolgte am 21.05.1892 der erste Eisenguss. Die damals aus diesem Anlass gegossene Gedenkplatte, befindet sich noch heute im Museum Rittergut Frankenberg. 1904 hatte die Eisengießerei Anderegg bereits 70 Beschäftigte. Die Belegschaft wuchs 1920 auf 160 Mitarbeiter, 1936 standen schon 280 Mitarbeiter in Lohn und Brot. 1941 erreichte die Firma mit 380 Beschäftigten ihren größten Umfang. Aus Firmenunterlagen der 1930iger Jahre ist ersichtlich, dass die Jahresproduktion der Eisengießerei Gottfried Anderegg bei durchschnittlich 2500 t Grauguss lag.

Ab 1903 kam es zu einer ständigen baulichen Erweiterung der Firma. 1904 wurde der Gießraum um 10 m x 10 m vergrößert. 1905 schuf man eine Erweiterung des Eisengießereigebäudes einschließlich einer Putzerei mit einem weiteren Produktionsraum von 18 m x 24 m. 1907 konnte die

Produktionsfläche nochmals um weitere 10 m x 13 m erweitert werden und ein neues Niederlager hatte eine Fläche von 13 m x 26 m.

Anfänglich bestand die Erzeugnispalette aus Gussteilen für Patentbüchsen in Haushaltsgegenständen sowie von gusseisernen Haushaltsöfen. Nach 1901 erweiterte sich das Produktionsprofil auf Gusserzeugnisse für Maschinenteile und Spezialgusserzeugnisse für den Werzeugmaschinenbau. Dies erforderte 1910 die Errichtung einer neuen und noch größeren Gießereihalle sowie den Bau eines Kupolschmelzofens für den höheren Bedarf an Flüssigeisen.

Die größere Luftverschmutzung durch dieses Schmelzaggregat führte am 05.02.1910 zu einem schriftlichen Protest der Frankenberger Bevölkerung bei der Stadtverwaltung gegen die Firma Anderegg. Nach Festlegungen durch den Stadtrat, musste der neue Kupolofen mit einer Flugaschenkammer und einem 40 m hohen Schornstein vervollständigt werden. Die schweren Arbeitsbedingungen im Eisengießereibetrieb Anderegg zeigt eine überlieferte Arbeitsordnung vom 07.01.1904:
Die tägliche Arbeitszeit betrug im Sommer von Montag bis Freitag täglich 11 Stunden und samstags 10,5 h.

Nach dem Rückzug von Gottfried Anderegg aus seiner Firma, übernahmen 1936 seine Söhne Wilhelm (Ingenieur), Georg (Techniker) und Johannes Anderegg (Kaufmann) die Firma als Mitinhaber und Gesellschafter. Nach 1945 wurde die Gießerei Anderegg zunächst nicht enteignet, dann aber 1951 in einen Treuhandbetrieb umgewandelt. Am 14.01.1953 erfolgte die Löschung der Andereggs als Eigentümer. Schon 1952 trug der Betrieb den Namen „VEB Eisengießerei Frankenberg“, zu der die Eisengießerei Hainichen als Betriebsteil angegliedert wurde. 1963 ging der VEB Eisengießerei Frankenberg als Werk V in den neu gegründeten Gießereigroßbetrieb VEB Gießerei „Rudolf Harlaß“ Karl-Marx-Stadt ein.

Nach einem ununterbrochenen und mehr als 90jährigen Betrieb der Eisengießerei Frankenberg, erfolgte im 30.06 1982 der letzte Eisenguss. Die letzten 250 Beschäftigten der Frankenberger Gießerei fanden danach eine Anstellung in einem Kombinatsbetrieb der Gießerei „Rudolf Harlaß“ Karl-Marx-Stadt in Wittgensdorf. Nach Abriss der Frankenberger Gießereigebäude an der heutigen Max-Kästner-Straße, erinnert heute nichts mehr an diesen ehemals großen Frankenberger Industriebetrieb.

Zur Vollständigkeit sei am Rande erwähnt, dass zwischen 1919 und 1941 ein weiterer eisenmetallurgischer Betrieb in Frankenberg produzierte. Die Deutsche Elektrostahlwerk AG richtete in einer ehemaligen Eisenbahnwaggonfabrik am Ende der Lerchenstraße (an der Grenze zur Gunnersdorfer Flur) ein kleines aber sehr modernes Stahlwerk ein. Hier wurde besonders Stahlschrott verarbeitet, der in einem gasbeheizten Siemens-Martin-Ofen geschmolzen und in zwei elektrisch betriebenen Stahlschmelzwannen veredelt wurde. Mit der fast vollständigen Umstellung der deutschen Stahlindustrie auf Rüstungsbelange erfolgte die Einstellung der Stahlproduktion in Frankenberg im Jahre 1941.

Dr. Bernd Ullrich
Stadtchronist